Aktuelles
Nimmt das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) wirklich zu? Wie steht es um die Versorgung der Kinder und deren Familien? Diesen Fragen ist der Arbeitskreis Gesundheit, Pflege und Prävention gemeinsam mit Fachleuten aus Versorgung und Wissenschaft nachgegangen.
Rainer Blasutto, Leiter der DAK-Landesvertretung Bayern, stellte dazu aktuelle Zahlen des DAK-Kinder- und Jugendreports 2026 vor. Die Auswertung zeigt für Bayern einen deutlichen Anstieg der dokumentierten Diagnosen: 2024 erhielten 18,3 von 1.000 Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren erstmals eine ADHS-Diagnose – 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg, ordnete die Zahlen ein: Die epidemiologische Prävalenz von ADHS liegt seit Jahren relativ stabil bei rund fünf Prozent. Gleichzeitig aber nehmen die administrativ in Krankenkassendaten dokumentierten Diagnosen zu.
Allerdings erhalten viele Kinder und Jugendlichen selbst mit klinisch gesicherter ADHS keine adäquate Behandlung. Bernhard Seidenath, Vorsitzender des Arbeitskreises Gesundheit, Pflege und Prävention, erklärte: „Die Frage ist nicht, ob wir zu viele oder zu wenige ADHS-Diagnosen haben. Entscheidend ist, dass wir ADHS frühzeitig erkennen, sorgfältig diagnostizieren und dann auch tatsächlich behandeln. Wenn Familien monatelang auf eine Diagnostik warten und gleichzeitig spezialisierte Strukturen überlastet sind, müssen wir die Versorgung besser steuern. Wir brauchen eine stärkere Vernetzung, klare Versorgungswege und gestufte Angebote, damit jedes Kind die Hilfe bekommt, die es wirklich benötigt.“
Denn: Lange Wartezeiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, stark beanspruchte kinderärztliche Praxen und verbesserungswürdige Schnittstellen erschweren Familien häufig den Weg zur passenden Unterstützung. Notwendig sind deshalb eine bessere Vernetzung von Kinder- und Jugendärzten, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Schulen, Schulpsychologie, Jugendhilfe und Öffentlichem Gesundheitsdienst sowie stärker gestufte Versorgungsmodelle.
Ein weiterer Schwerpunkt der Fachrunde lag auf Prävention und Elternarbeit. Medienkompetenz, Bewegung, Ernährung, Tagesstruktur und die Förderung sozialer Fähigkeiten sollten frühzeitig vermittelt werden. Auch Schulen und die Schuleingangsuntersuchung können wichtige Ansatzpunkte sein, um Unterstützungsbedarf früh zu erkennen und Familien gezielt an geeignete Angebote zu lotsen. Carolina Trautner, stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises und Vorsitzende des Landesgesundheitsrats, betont: „Wir müssen früher ansetzen: mit guter Prävention, starken Eltern, mehr Medienkompetenz und niedrigschwelliger Beratung. Kita und Schule sind dabei wichtige Partner. Je früher wir Kinder unterstützen, desto eher können wir verhindern, dass sich Schwierigkeiten verfestigen und Familien irgendwann nur noch im Krisenmodus funktionieren. Auch und gerade deshalb sind Expertenrunden wie diese wichtig, die wir im Landesgesundheitsrat weiter fortsetzen werden.“